Warum die Chinesen in Hiroglyphen
schreiben
In Europa sind wir schon seit der Grundschule an mit dem ABC vetraut, eben weil
wir es nicht anders kennen. Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich in die
Grundschule eingestuft wurde und ich zu Anfang einem Lehrer meinen wohl
einstudierten Namen vorschreiben sollte. Von da an wurden uns dann nach und nach
die 26 Buchstaben des Alphabets beigebracht. Jeden Tag schreiben, schreiben und
nochmals schreiben. Bis die Buchstaben nach dem aussahen, was sie sollten. Und
das war noch nicht das Schwierigste. Was allen Schülern, Lehrern und vor allem
den Eltern Kopfzerbrechen bereitete, war die deutsche Rechtschreibung. Was hat
sich meine Mama mit mir abrackern müssen, es war kein leichtes. Sie hat sich
bestimmt auch gedacht, wann blickt der Junge es denn nun endlich, dass man Arzt
mit zt und nicht mit tz schreibt. Aber am Ende hat es dann doch noch hingehauen,
schluss endlich haben uns uch WORD und der Streit über die rechte
Rechtschreibung ein wenig Erleichterung gebracht.
Nun
hat ein mancher Schüler bald mal genug vom ABC. Wer hat in seiner Kindheit noch
keine eigene Geheimschrift erfunden. Warum auch ich so etwas früher gemacht
habe, verschließt sich meiner Kenntnis. Ein Zettel mit meinem
Geheimalphabet vom 28.7.1994 zeugt noch von den Spielereien, die ich mit 13
Jahren im Sinn hatte. Im Kopf hatte ich dabei wohl die komischen Schnörkel
aus Papas Gebrauchsanleitungen oder dem Eindruck, den man uns in der 5.Klasse
bei der Vorstellung der „verschiedenen Schriften der verschiedenen Länder“
gegeben hat. Auch an ein Buch kann ich mich erinnern, in denen die verschiedenen
Zählsysteme aus verschiedenen Epochen und Ländern aufgelistet waren.
Nach deren Beispiel hatte ich nun meine eigenen Geheimzeichen gepinselt, die
aber keineswegs so schön aussahen wie die ich vorher schon gesehen hatte.
Und so begann ich nun die kunstvollen Zeichen in den Gebrauchsanleitungen
abzupinseln, die ich in den Schränken meiner Eltern fang. Diese verglich
ich dann mit den deutschen Übersetzungen und fand so mit der Zeit heraus,
was die mysteriösen Striche bedeuteten. Einige Zeit später erst
erkannte ich den Unterschied zwischen den komplizierten chinesischen und eher
einfach erscheinenden japanischen Schriftzeichen. Erst mit 19 Jahren wollte ich
diese eigenartige Schrift einmal näher erforschen und habe mir ein
Chinesisch Lehrbuch von Langenscheidt gekauft. Mein damaliges Interesse lag aber
vielmehr der Schrift und nicht an der Sprache. Und so habe ich aus Naivität
am Anfang nicht die richtige Aussprache der Zeichen gelernt, die ich dann später
in harter Arbeit nachlernen musste. Vor allem weil Chinesisch eine Tonsprache
ist, war dies ein sehr gravierender Fehler.
Aber
was haben nun die seltsam und unverständlich anmutenden Schriftzeichen zu
bedeuten, die Symbole für ganze Wörter sein sollen, und wie kann man so
was komisches überhaupt lesen und aussprechen. Denn für uns, die das ABC gewöht
sind, sehen sie mehr wie Bilder aus und nicht wie Zeichen, die man wie ein ABC
lesen könnte. Aber jedes der einzelnen Zeichen hat seine eigene Aussprache
und Bedeutung. Die Aussprache eines Schriftzeichens beschränkt sich auf
eine Silbe. Das Chinesische verfügt über 411 Sprachsilben, die wiederum durch
4 verschiedene Töne voneinander unterschieden werden. Und nicht nur das
bereitet den Chinesisch lernenen Studenten Kopfzerbrechen. So sollen mehr als
60.000 verschiedener Schriftzeichen existieren, die natürlich heute nicht mehr
alle gebraucht werden. 1.000 reichen schon um einen einfachen Text zu lesen.
Aber 3.500 werden oft gebraucht und sollten das Ziel sein, wenn man es mit dem
Chinesisch lernen ernst nimmt. Deshalb sind wir hier an der Uni rund um die Uhr
beschäftigt uns diese massige Anzahl nie zu enden scheinender
Schriftzeichen einzuprägen. Man muss sich also das Schriftzeichen ansich
merken, die Aussprache, dazu noch den Ton (Zeichen mit hohem Ton (1), steigendem
Tonfall (2), tiefem Ton (3), fallendem (4) Ton oder sogar tonlose Silben (5))
der Zeichen bzw. Silben, und natürlich die deutsche Übersetzung. Das heißt,
schreiben, schreiben und nochmals schreiben, genau so wie wird es vor einigen
Jahren mit dem ABC gemacht haben, und wie es die Chinesen auch zu ihrer
Schulzeit nicht anders gemacht haben. Es ist nicht einfach, doch es ist möglich.
Die Zahl der chinesisch Lernenden steigt mit jedem Semester und Jahr.
Hier
nun ein paar Beispiele was man mit so chinesischen Schriftzeichen alles
anstellen kann und was sich durch nur wenig Veränderungen bewirken lässt.
Das Spiel mit dem Baum. Wir nehmen dazu einmal einen Baum, der
sieht auch sogar noch wie ein Baum aus 木,
spricht sich mu mit einem fallenden Ton aus, also mu4. Bei deisem pflanzen wir
ihm noch einen zweiten gleich nebenan, damit er nicht so einsam dasteht. 木+木
wird dann zu einem 林
lin2, und so einfach haben wir einen Wald
bekommen. Aber was passiert wenn wir noch einen Baum hinzugeben? Das ganze wird
dann eine fülle von Bäumen, ein 森
sen1 im ersten Ton. Toll. Als nächstes
stellen wir die beiden Zeichen noch nebeneinander, also 森林
sen1lin2. Nein, das heißt jetzt nicht,
ganz ganz viele Bäume. Ein Blick ins Wörterbuch sagt uns, dass diese
Kombination der Schriftzeichen für einen Wald steht. Ist doch einleuchtend oder?
J
Von Anfang an. Was
wird wohl ein waagerechter Strich bedeuten 一
? Eins natürlich, ja und
dann zwei Striche 二
? Hm, zwei natürlich. Richtig. Dann
werden wohl drei Striche 三
drei bedeuten. Exakt. Ja und
wie geht vier? Vier striche oder wie, was machen wir dann bei zehn oder mehr
strichen, das wird ja ein durcheinander. Ab vier gehts aber schon anders weiter,
aber die zehn, das ist wieder einfach 十,
ein kleines Kreuz.
Der Mensch. Da
fällt mir noch ein einfaches ein. Das steht sogar im Namen der Uni, an der
ich gerade studiere. Zwei einfache Striche, nach links, nach rechts und wir
haben einen 人
(ren2), was ist das? Wenn da noch ein Kopf
und zwei Hände wären würden wir es als Strichmännchen
identifizieren, aber auch so is das ein Symbol für einen Mensch. Gut. Machen
wir ihm zwei Hände, oder einfach einen waagerechten Strich durch die Mitte,
das ist 大
(da4). Nein, kein Mensch mit
Händen, es steht komischerweise für „groß“. Jetzt kommt der
Klu. Wir machen einen kleinen Punkt in die obere rechte Ecke, dann sieht das
ganze so aus 犬
(quan3) und macht aus einem
groß ohne große Veränderungen einen „Hund“. Ein kleiner
Punkt am Fuße des Männchens gibt ein 太
(tai4) was „sehr“
bedeutet. Z.B. 太大
„sehr groß“ oder „zu groß“.
Gehen wir noch weiter und setzen unter das letzte Zeichen noch ein weiteres, ein
Herz in Form von 心
xin1 geschrieben, ergibt 态
(tai4). Je nach Zusammensetzung mit anderen
Zeichen kann es Form, Erscheinung, Zustand oder noch was ganz anderes bedeuten.
Und hier liegt der Hund 犬
begraben. Wir haben z.b. ein 太
und ein 态,
und beide werden exakt gleich ausgesprochen und zwar tai im vierten Ton. Das
gerade ist das schwierigste bei der ganzen Sache, dass es eben auf die
Aussprache oder die Zusammensetzung mit anderen Zeichen ankommt. Sonst wird man
nicht verstanden oder versteht selber nicht, was die anderen sagen. Was hat mir
das schon für Kopfzerbrechen bereitet. Dabei hab ich mir oft überlegt, warum
icht nicht eine einfachere Sprache ohne Tönen und ABC gewählt habe.
Z.B. Spanisch oder Italienisch. Aber nach einigen Erfolgen in der Sprache denkt
man gar nicht mehr an die vorhergegangenen Schwierigkeiten.
Die Sonne. Im Fernsehen hab ich ein kleines Spiel mit der Sonne
gesehen. Da sagte der Mann, das Zeichen 日
wird ri4 gelesen und steht für eine Sonne.
Er meinte mit diesem Zeichen könnte man einiges Anstellen und hat einfach
eine kleinen Strich oben drauf gesetzt und hat ein 白
bai4 daraus gemacht. Es ist zwar ein bißchen
dicker als die Sonne, aber durch diese kleine Veränderung hat sich die
Bedeutung von „Sonne“ zu der Farbe „weiß“ geändert.
Danach hab ich auch ein paar Veränderungen vorgenommen und schwup di wup
ist durch einen senkrechter Strich durch die Sonne 日
ein 田
(tian2) Feld geworden. Huch,
das ist ja der Nachname der Miao Miao geworden, ein „Feld“. Mann kann
beim Feld 田
sogar 4 Parzellen erkennen, in denen Obst und
Gemüse angebaut werden kann J
Was kann man noch machen. Den Strich verlängern vielleicht, dann wird aus 日
ein 甲
(jia3) und bedeutet „der
Erste, das Beste“. Nun hab ich den Strich auch noch nach oben verlängert
und aus 甲
wurde 申
(shen1) „erzählen,
erklären“. Hier ein einleuchtendes Beispiel. Ich mach einfach einen
waagerechten Strich unter die Sonne 日,der
einen Horizont darstellen soll 一
, so der kommt jetzt unter
die Sonne und das sieht dann so aus 旦
(dan4). Und schon steigt die Sonne hinter dem
Horizont hervor und man kann daraus den „Tagesanbruch“ oder den „Morgen“
lesen. Noch mehr Veränderungen? Punkt, Punkt, Komma, Strich und fertig ist...
nein, nicht das Mondgesicht, sondern ein 宣
(xuan1) das „verbreiten,
verkünden“ bedeutet.
Aber
man kann gut erkennen, dass die Grundelemente in jedem der Zeichen enthalten
sind. Ob es nun die Sonne 日
oder der Mond 月
sind. Daneben gibt es noch
mehr als 200 anderer dieser Grundelemente, aus denen die vielen tausend Zeichen
zusammengesetzt sind und sich immer mehr Bedeutungen ergeben. Hier nur ein paar
Beispiele: 人 Mensch
刀 Messer
水
Wasser 火 Feuer
手
Hand 足
Fuß 言
Wort, usw. So lassen sich viele konkrete aber
auch abstrakte Dinge und Sachverhalte darstellen. Und man bekommt die
chinesische Schrift.
我很高兴我人民大学给我机会在中国学习汉语。虽然中文这个语言十分复杂,但是我从来没后悔开始学汉语了。
So
kommen nicht nur ganz einfache Zeichen wie 一
oder 人 zustande,
sonder lassen sich bis zu mehr als 24 Einzelstriche aufaddieren. Dann kommt z.B.
so etwas dabei heraus:
髓,瘾,鑫,羹,雀,巢,窝囊
(sui2, yin3,
xin1, geng1, que4, chao2, wo1nang)